Neun Meter unter der Reuss
Der Abstieg beginnt mitten in Luzern. Am Mühlenplatz führt der Weg durch den Zugang in den Untergrund – dorthin, wo sonst kaum jemand hinkommt. Über ein Baugerüst geht es hinunter, rund neun Meter unter die Reuss. Oben: Altstadt und Tageslicht. Unten: Beton, Stahl und Technik, die im Normalbetrieb still und zuverlässig Strom produziert.
Am Samstag vor dem Ausbau hatte EWL anlässlich 25 Jahren Selbstständigkeit zum Tag der offenen Tür eingeladen. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher besichtigten das Flusskraftwerk durch den roten Tunneleingang. Luzerner.ch konnte beim Abtransport der Turbine zusätzlich einen Blick hinter die Kulissen werfen – in Bereiche, die im Alltag verschlossen bleiben.
Eckdaten Kraftwerk Mühlenplatz (EWL)
- Neubau: 1996–1998
- Inbetriebnahme: April 1998
- Turbine: Kaplan-Turbine
- Max. Wassermenge: 58 m³/s
- Max. Gefälle: 1,8 m
- Leistung: 680 kW
- Energieproduktion: 3'000'000 kWh pro Jahr
- Stromlieferung: ganzjährig
4,25 Tonnen am Haken
Unten hallen die Kommandos an den Kranführer durch den Schacht. Ansonsten ist es ungewohnt ruhig. Kein Rauschen, kein Durchfluss – nur konzentrierte Handgriffe.
Soeben wird der Betondeckel angehoben. Kurz darauf hebt der Kran die Turbine aus ihrer Position. Das Gewicht von 4,25 Tonnen ist für den Kran machbar, aber jede Bewegung muss sitzen. Als das Turbinenrad später gelöst und auf den Lastwagen gehievt wird, entsteht dieses Bild, das man in Luzern selten sieht: Für zehn Minuten hat Luzern eine „Windturbine“.
Warum es unten still ist
Normalerweise strömt hier Wasser durch den Kanal. Für die Arbeiten ist der Wasserweg jedoch seit einigen Tagen blockiert: Betonabdeckungen von rund 20 Zentimetern Dicke halten die Reuss zurück. Ganz unten tropft es nur noch leicht.
Urs Renggli erklärt die Kräfte, die hier wirken: „Hinter dieser Wand ist der Druck 1 bar, der von der Reuss auf die Elemente drückt.“ Ein Satz, der plötzlich klarmacht, warum jeder Arbeitsschritt genau geplant ist.

Öl, Zahnräder und Routine
Durch die offene Abdeckung zeigt sich die Dimension der Anlage unter dem Mühlenplatz. Ein Blick in den Technikbereich legt Zahnräder und Antriebsteile frei. Hier wird im Betrieb Öl eingepumpt, damit alles reibungslos läuft – und über eine Wanne wieder nach oben gepumpt.
Bevor das Turbinenrad verladen wird, entleeren die Fachleute das restliche Schmieröl aus dem Lager in eine bereitstehende Ölwanne. Danach geht es Schritt für Schritt weiter: lösen, sichern, heben, verladen. Revidiert wird nicht vor Ort – die Turbine wird nach Kriens gebracht.
Drei Monate Revision – und 800 Jahre Wasser am gleichen Ort
Die Revision ist für die Sommermonate geplant und dauert rund drei Monate. Dass am Mühlenplatz Wasser genutzt wird, ist kein Zufall: 1178 werden an diesem Ort Reussmühlen erwähnt. 1926 wurde ein Generator eingebaut, der Strom mit 550 Volt für das Luzerner Tram lieferte. Bis 1977 wurde am Mühlenplatz Strom erzeugt. Schäden verhinderten danach über Jahre den Betrieb, bis der Neubau 1998 in Betrieb ging.
Heute produziert das Kraftwerk Mühlenplatz Strom mit zwei Kaplan-Turbinen. Diese Turbinen eignen sich besonders für Orte mit viel Wasser, aber geringem Gefälle – genau wie an der Reuss in Luzern. Das Wasser wird durch verstellbare Lamellen gezielt auf die Turbinenschaufeln gelenkt und treibt so die Turbine an.
Und oben, am Mühlenplatz, läuft der Alltag weiter – während unten, unter der Reuss, ein Stück Luzerner Energieinfrastruktur zur Revision aufbricht.






Q: Flyer Flusskraftwerk Mühlenplatz Luzern